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Scientia - Vol. X/Heurologischer Wert der technischen Erfindung

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Peter Klimentjevich Engelmeyer

Heurologischer Wert der technischen Erfindung ../Biometric ideas and methods in biology; their significance and limitations ../Die ältesten Formen der menschlichen Behausung und ihr Zusammenhang mit der Allgemeinen Kultur entwicklung IncludiIntestazione 15 maggio 2025 50% Da definire

Biometric ideas and methods in biology; their significance and limitations Die ältesten Formen der menschlichen Behausung und ihr Zusammenhang mit der Allgemeinen Kultur entwicklung
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HEUROLOGISCHER WERT

DER TECHNISCHEN ERFINDUNG.



I.


Die psychologischen Werke, die den Stamm der Wissenschaft bilden, sagen über die Erfindung wenig oder garnichts. Das Entstehen neuer Geistesprodukte wird zurückgeführt auf die Assoziationsgesetzte und die Lehre von der Phantasie (Imagination). Die Assoziation ist aber nicht imstande, das Ueberraschende der Intuition zu erklären, und die Phantasie ist nur einer der Faktoren des Erfindens.

So geht der Königsweg der Psychologie an der Erfindung vorüber, ohne das geheimnisvolle Gebiet zu berühren. Bei den Alten war es anders. Freudigen Muts unternahmen sie Exkursionen in das Dunkel der Intuition. Ich brauche nur Descartes, Hume, Leibnitz, Kant zu nennen. Bei Göthe, Schopenhauer, Hartmann und A. finden sich auch treff[l]iche Sentenzen. W. Carpenter’s Physiology of Mind bringt so tiefe Erläuterungen über das Schaffen, dass wir heut zu Tage wahrscheinlich schon im Besitz einer Heurologie wären, hätte Carpenter mehr Anklang gefunden.

Das Interesse der herrschenden Psychologie hat sich so ausschliesslich in den Kreis der bewussten Seele eingeschränkt, dass man nicht mehr weiss, ob die Frage über die Intuition, über das spontane Emporkommen neuer Vorstellungen, noch zum Gebiete der Psychologie gehöre.

Auf den Aesten des psychologischen Baumes finden wir allerdings Monographien über die Erfindung. Ohne die Bibliographie [p. 121 modifica]graphie ergründen zu vollen, nenne ich folgende Schriften (die kurzen Abhandlungen ganz beiseite lassend): J. Hoppe’s Das Entdecken und Finden (1870) ist eine ethimologische Untersuchung über die zwei im Titel genannten Begriffe, die aber daran leidet, dass der Verfasser sich ausschliesslich an den deutschen Wortlaut hält und daraus logische Verwandschaften folgert (z.B. zwischen «verbergen», «bergen» und «Berg»), die sich in den anderen Sprachen nicht bestätigen. Das Werk ist aber in einer anderen Hinsicht sehr belehrend: man sieht, in welche Verwickelungen ein Denker verirrt, der die Erscheinungen der Intuition aus dem reinen Bewusstsein erklären will.[1] E. Joyau’s De l’Invention dans les Arts, dans les [p. 122 modifica]Sciences et dans la pratique de la Vertu (1879) ein viel zu kalt und schematisch getragenes Werk. P. Souriau’s Théorie de l’Invention (1881) ist dagegen reich an warmblutigen Einzelheiten; an der Stelle der titelmässig versprochenen Theorie der Erfindung findet man nur die heuristische Regel: «il faut penser à côté». Oelzelt-Newin’s Die Phantasie-Vorstellungen (1889), eine ausgezeichnete Vorarbeit zu einer Heurologie, eine Fundgrube gelungener Zusammenstellungen. R. Bärwald’s Theorie der Begabung (1896), eine wohl durchdachte Klassifikation der zum Erfinden nötigen Anlagen. F. Paulhan’s Psychologie de l’Invention (1901), in Verbindung mit seiner Volonté (1903) dadurch wertvoll, dass die beiden Werke die Vereinigung der Erfindung mit der Willenstat vorbereiten.

Zu den Klassikern der Wissenschaft zurückkehrend, finde ich in Th. Ribot den einzigen, der seinen Fachgenossenen empfielt, dem Studium der technischen Erfindung sich hinzuwenden. So sagt er in seinem Essai sur l’Imagination créatrice (1900): «Le préjugé qui oppose l’imagination à l’utilité et prétend qu’ils s’excluent réciproquement est si répandu et si tenace, qu’on semblera à beaucoup de gens émettre un paradoxe en disant: que si l’on pouvait établir le bilan de ce que l’homme a dépensé et fixé d’imagination dans la vie esthétique d’une part et dans l’invention technique d’autre part, la balance serait en faveur de la seconde. Pourtant, cette assertion ne paraîtra paradoxale qu’à ceux qui n’ont pas étudié la question». (p. 220). Mit diesen Worten bricht Ribot mit jener Mehrzahl, die dem erhabenen Schaffen des Künstlers das flache Erfinden des Technikers gegenüberstellen. Und damit legt Ribot den ersten Eckstein zu der wahren Heurologie.

[p. 123 modifica]Derweil die Psychologen so grundzätzlich über die technische Erfindung schwiegen, haben die Techinker selbst begonnen, über die Erfindung nachzudenken. Aus reicher Erfalırung sammelten sie in ihren Schriften einen Schatz lebendiger Beobachtungen. Diese Schriften sind: Vom Erfinden (1892), verfasst von H. Meidinger, dem Erfinder der berühmten Batterie, Zum Wesen der Erfindung (1895) von E. Capitaine, Urheber mehrer praktischen Erfindungen an Gazmotoren; ferner sind zu nennen: Rasch Zum Wesen der Erfindung (1899), M. Schütze Grundriss der reinen Erfindungslehre (1904). In den Lebendigen Kräften (1905) von M. Eyth findet man auch geistvolle Kapiteln; A. Du Bois-Reymond’s Erfindungen und Erfinder (1906) bringt einen Schatz gut geordneter Beobachtungen eines erfahrenen Patentanwaltes. In P. K. v. Engelmeyer’s Der Dreiakt als Lehre von der Technik und der Erfindung (1910) kommt endlich das Schema einer Heurologie, allerdings in Anwendung auf den speziellen Fall der technischen Erfindung, doch versehen mit allgemeinen Erörterungen über die weiten Grenzen der neuen Ansicht.

II.


Nun kommen wir auf das Thema dieser Abhandlung. Ich will dartun, dass die technische Erfindung der heurologischen Analyse bei weitem leichter zugänglich ist, als z.B. das Kunstwerk. Und sollte es den Heurologen widerfahren, gerade am schwierigsten Objekte, dem Kunstwerke den Beginn zu machen!

Es war übrigens ganz natürlich, dass die Philosophie der Kunst der Philosophie der Technik vorausging. Dichtungen zu lesen, Kunstsammlungen und Konzertsäle zu besuchen, daran ist ein Philosoph berufsmässig wenig verhindert. Nötigenfalls könnte er allerdings auch Technologien lesen und Fabriken besuchen, — und mit der Zeit wird er dazu genötigt werden, — allein hier stehen anderweitige Hindernisse im Wege: das richtige Verstehen der technologischen Schriften erheischt eine diesbezügliche Vorbereitung, und in den Werkstätten riecht es zuweilen nur ein wenig besser, als in anatomischen Instituten. [p. 124 modifica]

Wie es dem auch sei, der zukünftige Heurologe kann nicht umhin, sich mit der technischen Erfindung zu befreunden, das nötige zur Verständnis der technischen Litteratur sich anzueignen. Denn die Heurologie, soll aus ihr eine Wissenschaft werden, darf nicht mehr an der technischen Erfindung vorübergehen, sondern muss sich in dieselbe vertiefen.

Was von der technischen Erfindung die bisherigen Heurologen fernhielt, — ihr materielles Wesen, — ist gerade, was sie besonders wertvoll macht. Die fertig dastehende Erfindung ist wägbar, zählbar, messbar. Ob sie ihrer Aufgabe entspricht, darüber ist kein Streit möglich das ja oder das nein wird mit Mass und Wage sofort festgesetzt. Wie ganz anders ist es beim Kunstwerke! Wie gross ist hier der Spielgaum für subjektive Schätzungen! Der Autor sagt uns ja fast nie, was er eigentlich sagen wollte, und was uns seitens der Autoren über ihre leitenden Absichten gesagt worden, ist meist später hinzugedacht. Nun kommt der Kunstkritiker und schält «die Idee» des Werkes heraus. Und so kommt es, dass an einem Makbeth so viel Ideen etdeckt worden sind, wie es Kritiker gegeben. Und alle entdeckten Ideen haben gleichen Wert, denn über das mehr oder weniger Zutreffende entscheidet höchstens die Autorität. Oder dürfte man beispielweise Paganini dafür verantwortlich machen, dass Heine in seiner Musik kreisende Sonnen gesehen?

Wie eindeutig und überzeugend dagegen aus einer technischen Erfindung die ihr zugrunde liegende Idee hervorsticht! Nur ein paar Beispiele: Browningpistole: rasches Schiessen, Selbstladen durch den Rückstoss. Nähmaschine: Verschlingen zweier Fäden vermittelst eines Schiffchens; Stahlhärten: Erwärmen und rasches Abkühlen, um molekuläre Spannungen zu steigern. Schwedische Zündhölzchen: roter Phosphor auf der Reibfläche, Giftlosigkeit, Beseitigung der Feursgefahr.

Auerlicht: unschmelzbares Netz leuchtend erglüht.... Kein Zweifel, keine Differenz, kein Streit; «entweder — oder» sofort entschieden.

Mit der Leichtigkeit, aus einer technischen Erfindung deren Idee zu entschälen, geht Hand in Hand die Entscheidung, inwiefern eine Erfindung ihre Aufgabe erfüllt. Wenn ein Aviationsmotor, auf die Pferdestärke gerechnet, um 10 Perzent leichter ist, wie ein anderer, so weiss man sofort, welcher von beiden vorzuziehen ist. Wie anders ist es in der [p. 125 modifica]künstlerischen Kritik! Alles subjektiv und konventionell und auf Beredsamkeit beruhend. Lessing schreibt 20 geistreichsten und erudirtesten Seiten, ohne die Frage beantworten zu können, ob Laokoon schreit, oder blos den Mund öffnet. Büchermassen sind auf den Fragen aufgetürmt worden: was ist die Aufgabe der Kunst? was ist schön? hässlich? u.s.w. Sind wir aber hierüber belehrt? Das ist zu bezweifeln; denn sonst hätte so mancher modernistische Unfug gar keinen Eintritt in die Kunst.

III.


Aus der technischen Erfindung ist es zwar ein Leichtes, die Idee derselben herauszuschälen, leicht ist es aber nur für denjenigen, der überhaupt eine technische Idee zu erfassen vermag. Die Technologen selbst haben hierüber nur das Wenigste gesagt. Sie haben ja keine Zeit zu philosophiren: kaum dass sie fertig werden mit der Systematisirung der von allen Seiten herstürmenden Erfindungen.

Vielleicht kommt man näher zum Begriffe der «technischen Idee», wenn man über das Prädikat «technisch» nachdenkt. Das Wort ist griechisch-römischen Ursprunges. In der klassischen Zeit bedeuteten «τέχνη» und «techna» die Mittel und Wege, irgendeinen Plan durchzusetzten, und wurden gebraucht in der Industrie, im Handel und Gewerbe, in den schönen Künsten, in der Redekunst, Medizin, Wissenschaft und Litteratur. «Technikus» nannte man in Rom einen Lehrer, bei dem man die «Technik einer Kunst» erlernen konnte. Ganz ebenso reden wir von der Technik eines Virtuosen, Malers, Schriftstellers, Lehrers, Forschers, Administrators, Händlers u.s.w. Wo aber das Wort «Technik» ohne Prädikat gebraucht wird, bezeichnet es einen Lebensberuf, eine gesellschaftliche Funktion, überhaupt einen Bestandteil der Kultur, wenn man unter Kultur den Inbegriff der Ethik, Wissenschaft und Technik versteht.

Bezeichnend für den technischen Kulturfaktor ist sein ulilitarer Charakter. Die reine Technik ist in demselben Grade nur auf das Nützliche gerichtet, wie die reine Kunst auf das Schöne, die reine Wissenschaft auf das Wahre. Damit sind die Grenzen der Technik scharf gezogen. Diesen [p. 126 modifica]Unterschied sich aneignen und stets vor Augen zu halten, ist die erste Stufe des Begreifens des Technischen. Die zweite Stufe ist: sich mit den Mitteln und Wegen vertraut zu machen, auf welchen die Technik ihre Ziele erreicht. Allerdings laufen sie alle auf ein Prinzip aus, den schon Fr. Bacon richtig mit der Sentenz formulirte: «ad opera nil aliud potest homo, quam ut corpora naturalia admoveat et amoveat; reliqua Natura intus transigit».

Den Begriff der Technik kann man folgendermassen definiren: «die Technik ist die Kunst, gewollte Erscheinungen, auf natürlichem Wege, (künstlich) einzuleiten». Diese Definition betont, dass die Technik eine Kunst, d.h. eine objektivirende (nicht subjektivirende, wie die Wissenschaft) Tätigkeit ist, keine Zauberei in sich birgt und dabei Naturkräfte in Gang setzt, deren Wechselwirkung automatisch zum vorgesteckten Ziele führt.

Hat man den bezeichneten Standpunkt erklommen, so ist man vorbereitet, die Technik den übrigen drei Kulturelementen gleichzustellen, ohne sie mit den anderen zu vermengen. Die Sachlage klärt sich ungemein auf, und viele verwirrende Fragen fallen von selbst. So die Frage: «ob Schönheit in den technischen Gebilden zu finden sei?», oder:

«ob die Maschinen moral oder unmoral seien?» und andere mehr. Man wird auch sofort gewahr, dass eine mathematische Formel eine Entdeckung und eine Erfindung zugleich ist, dass die Bakteriologie eine Technik ist, und man wird nicht länger die lächerliche Phrase wiederholen, technische Erfindungen seien nur «Anwendungen» wissenschaftlicher Entdeckungen.

IV.


Noch ein Schritt weiter ist erforderlich. Spricht man von Erfindung, so meint man durchweg die spontane. Man muss sich fest anheimbringen, dass alles Erfinden, alles Schaffen, nichts mehr und nichts weniger ist, als das Lösen eines Problems. Das Problem kann von auswärts kommen. Dann spricht man vom Entwerfen; stellt sich aber der Mensch das Problem selbst, so hat man die spontane Erfindung. Es kommt ja dem Künstler auch vor, auf ein gegebenes Programm zu schaffen.

Dass dabei die Aesthetik leidet, hat mit dem Prozess des [p. 127 modifica]Schaffens nichts zu tun. Es bleibt nur der Unterschied, dass beim gegebenen Programm die leitende Idee nicht verändert werden darf, wogegen der spontane Erfinder oft zu einem Ende kommt, der anfangs nicht mal vermutet sein konnte.

Das schulmässige Entwerfen, die Ausführung eines Programms, die Lösung einer gegebenen Aufgahe, dies alles ist ein Schaffen und Gegenstand der heurologischen Analyse. Je weiter man ausholt, desto weiter wirft man. Je reicher das Erfahrungsgebeiet, desto höher die Theorie. Nich die Beschränkung der Heurologie auf ein Erfindungsgebiet, sondern die grösstmögliche Erweiterung des in Betracht gezogenen verspricht eine einheitliche, allgemeine Theorie von dem menschlichen Schaffen zu liefern.

V.


Wegen der Durchsichtigkeit des technischen Erfindens erhellen noch andere heurologische Vorteile desselben. Der einzige dunkle Punkt bleibt immer das Moment der Intuition, das Emporschiessen, man weiss nicht woher, ins Bewusstsein einer neuen Vorstellung, einer Absicht. Das übrige ist wie auf Glas gemalt: das Ueberlegen, Rechnen, Experimentiren, Modellbauen... dies alles ist beim Techniker handgreiflich und leicht auseinanderzuhalten. Nicht so beim Künstler: hier ist alles untereinander vermengt und verwachsen; man weiss nicht, wo das intuitive Denken in das diskursive hinübergeht.

Kurzum, beim Techniker lässt sich alles, was Methode heisst, leichter, wie beim Künstler, von dem abheben, was spontan entsteht. Auch sind die technischen Metoden viel mehr ausgebildet und darum allgemein im Gebrauch. Ein jeder Künstler, dagegen, schafft nach seiner eigenen Art und Weise. Hat man die Methoden des Schaffens eines Tolstoj herausgeschält, so lassen sich hieraus keine allgemeine Regeln für die Schriftstellerei folgern: ein Zola, ein d’Annunzio macht es anders. Die Schaffungsmethoden des Technikers sind dagegen schulmässig verallgemeint.

Die bisherigen Heurologen (Ribot ausgeschlossen), die den Techniker durch das Fernrohr, wie einen Stern, beobachteten, bemerkten nur das bewusste, methodische Element seines Schaffens und machten die seltsame Entdeckung, dass der [p. 128 modifica]Techniker nur nach seinen Formelbüchern zu greifen braucht, um Erfindungen zu machen. Um diesen psychologischen Daltonismus aufzudecken, braucht man nur jene Herren zu ersuchen sie mögen gütigst die Formeln nennen, nach denen erfunden worden waren: die erste Dampfmaschine, Dynamo, das Velociped, Automobil, der Phonograph, Aeroplan u.s.w.

Eine wahrhaft neue Erfindung kann nicht entstehen ohne Mitwirkung von Intuition, Einfall, Erschauen, kurz von dem, was die Franzosen «imagination créatrice» nennen. Wer Gelegenheit gehabt, in das intime Laboratorium der Erfinderseele einen Blick zu werfen, dem ist es gar unmöglich, den intuitiven Faktor auch nur in Frage zu stellen. Dies wird auch dem Heurologen einleuchten, der sich unbefangen dem Studium des Erfinders hingeben wird. Dass sich Fachdenker dazu bewegen lassen, werden wir, Techniker, die ersten sein, zu applaudiren, denn wir sind uns bewusst, dass wir nichts mehr wie ein lückenhaftes Programm zu einer Heurologie zutage fördern können, dass die eigentliche Lehre gewiss nur von Fachdenkern ausgefüllt werden soll.

VI.


Noch andere Punkte sind hevorzuheben. In der Regel vollbringt der Künstler sein Werk allein, der Techniker dagegen nur unter Witwirkung Anderer. Der Ingenieur entwirft das Projekt einer neuen Brücke. Zwei Gegenstände bilden das Projekt: ein starkes Heft mathematischer Formeln und ein schweres Foliant Zeichnungen. Mag der Ingenieur das Heft eigenhändig geschrieben haben, der Atlas ist durchweg von Fachzeichnern gemacht. Wird hernach das Projekt ausgeführt, so treten in Szene ganze Armeen von Arbeitern, ganze Industriezweige nehmen Anteil, indem sie die nötigen Materialen liefern. So kommt das technische Werk zustande. Der Psychologe erschrickt vielleicht vor solchem Gewimmel und Lärm und möchte sich die Aufgabe dadurch erleichtern, dass er nicht den vollen Werdegang des technischen Werkes, sondern nur einen Teil desselben in Betracht zieht. Er wird sich vielleicht sagen: ich will nur den entwerfenden Ingenieur allein untersuchen und seine Erfindung im Stadium des Projektes als fertig betrachten. Warum nicht? Nur wird er im Laufe seiner Studien des öfteren auf solche Fälle kommen, wo der [p. 129 modifica]Erfinder sein Werk persönlich von A bis Z ausführt. Wo wird er hier den Erfindungsprozess abbrechen? Ratsamer scheint es, den ganzen Werdegang des technischen Werkes, einschliesslich die sachliche Ausführung, in Eins zusammenzuhalten.

Denn der gewerbliche Faktor übt eine Rückwirkung auf die Idee, auf die leitende Absicht ein. Bei dem Künstler ist eine ähnliche Rückwirkung des sachlichen Faktors, der sogenannten «Ausdrucksmittel» festgesetzt worden. Die Heurologen haben aufgeklärt, dass der sachliche Faktor nicht immer hemmend, sondern oft fördernd auf das Schaffen einwirkt. Indem z.B. ein Dichter das reimende Wort sucht, fällt er unverhofft auf neue gelungene Kombinationen von Gedanken und Bildern, die sein Werk bereichern. In noch höherem Masse ist der Erfinder an das Reelle gebunden. Heute ist man z.B. bemüht, ein Lufttorpedo zu bauen. Verfügten wir jetzt schon über einen 200-pferdigen Motor mit einem Gewichte von 100 kilogramm, so wäre es eine abgemachte Sache. Beseitigt man bei der Analyse des Erfindens den sachlichen Faktor, so wird man sich verpflichtet sehen, einen Jules Verne zu den technischen Erfindern zu zählen, denn da fällt jede Grenze zwischen Erfindung und Luftschloss, da treten in Ehre alle pseudo-Erfinder des perpetuum mobile. Wer es nicht glaubt, versuche das Gegenteil zu beweisen.

Der sachliche Faktor hat auch in so mancher Erfindung fördernd eingewirkt. Hierüber nur ein Beispiel. Als am Anfang des vorigen Jahrhunderts die Erfinder sich die Aufgabe stellten, eine Dampfbahn fertigzustellen, stiessen sie auf ein erschreckendes Hindernis: der glatten Eisenschiene die Fortbewegung eines schweren Zuges anzuvertrauen, schien Schwärmerei. Man begann schon die Köpfe zu zerbrechen über geriffelte Schienen und dergleichen Verwickelungen, als das sachliche Experiment zeigte, dass man zu dem Behufe nur die Last der Lokomotive zu steigern hat. Angesichts solcher Fälle, wird man nicht so leicht den gewerblichen Faktor aus der Erfindung ausseiden wollen.

VII.


Im ästhetischen Gebiet unterscheidet man die reine Kunst von der angewandten. In der Technik besteht kein solcher Unterschied, denn die reine Technik ist die angewandte: das [p. 130 modifica]technische Werk ist da nur um seines Effektes willen. Unter dem Ausdruck «technischer Effekt» versteht man die Einwirkung eines technischen Werkes auf das Menschenleben Wir haben sub 2 und 3 dargetan, was eine technische Idee ist. Jetzt können wir sagen: die Idee enthält den Effekt zugleich mit dem Mittel, denselben zu erreichen.

Bei der technischen Erfindung ist, wie gesagt, das endgiltige Glied etwas materielles, wägbares und zählbares; der Effekt ist stets utilitarer Natur. Abermals ein heurologischer Vorteil! Das Kunstwerk ist zwar auch nur um seines Effektes willen da, allein wie schwer es ausfällt, jedesmal zu entscheiden, was den ästhetischen Effekt eines Kunstwerkes ausmacht: wo der Eine nur ästhetischen Gennss sucht, fordert der Andere Belehrung, der Dritte — Realität, der Vierte — den Individualismus, der Fünfte — das Feuerwerk der Phantasie. Aus dieser Prinziplosigkeit entstand die Meinung, als ob das echte Kunstwerk überhaupt frei sei von aller Zweckmässigkeit, aller Teleologie. So zu urteilen, heisst, sein Geld darum hinauswerfen, weil man nicht momentan weiss, was man kaufen möchte.

Dasselbe Schwanken hat zur Folge gehabt, dass man zur Zeit nicht mehr weiss, was in der Kunst überhaupt zulässig, was nicht ist. In der Technik ist es anders. Unterbringt man mir eine Erfindung, wo ich ein perpetuum mobile erblicke, so weiss ich sofort, was über den Erfinder zu denken sei.

Der zukünftige Heurologe, der sich dem Studium des technischen Schaffens hingiebt, wird sich erst recht auf festem Boden fühlen. Naturwissenschaftliche Strenge, Klarheit der Prinzipien, leichtes Ausscheiden der Faktoren, Durchsichtigkeit der Erscheinungen, dies alles wird seinen Mut erheben, ihm neue, unanfechtbare Grundlagen verschaffen zur Ausbildung einer allgemeinen Heurologie. Wendet er sich später abermals dem Künstler zu, so vird er in dieser embrional verschmolzenen Varietät des Schaffens dieselben Faktoren leicht erkennen, die er beim Erfinder erschaut. Mit diesen Worten soll natürlich nicht die Flachheit gesagt werden, als ob aus der Kunst das Erhabene, Schöne weggedacht werden sollte. Nein: die Kunst bleibt nach wie vor im unbegrenzten Besitz des Schönen, wie die Technik in dem des Nützlichen verbleibt. [p. 131 modifica]Bleiben die Grundtendenzen der Kunst und der Technik scharf von einander unterschieden, so verschärft sich dieser Unterschied noch dadurch, dass der Vorgang des Schaffens, die Ausarbeitung des Werkes aus der Intention, überall derselbe ist. Klingt dieser Satz manchem Ohre wie ein Paradox, der zukünftige Heurologe wird ihn zu seinem Ausgangspunkte machen.

Moskau.

P. K. V. Engelmeyer

  1. Hoppe beschäftigt sich mit der heurologisch sehr interessanten Frage: wie ist es zu erklären, dass eine Bauernmutter, deren Kind abhanden gekommen, im Momente des Vermissen, über den Verbleib ihres Kindes ganz richtige intuirt? Derweil aber Hoppe, als reiner Conscienzionist von der Intuition nichts wissen will, bemüht er sich erfolglos das Aufkommen neuer Gedanken, die einem Seelenpotenziale entsprechen, in das bewusste Seelenleben, als Induction, zu versetzen. Die Konstatirung des Faktums ist gut: «Der geängstigten Mutter, die nicht weiss, wo ihr Kind ist, kann im Augenblicke des Vermissens im Geiste alles aufblitzen, was mit dem Kinde geschehen sein könnte, und sie kann dabei ganz richtig schauen». Nun kommt aber die ganz verfehlte Erklärung: «Dass sie aber so kundig ist, dies erklärt sich dadurch, dass solche Mutter eine sinnig denkende Frau ist, die längst schon vieles durchdacht, die mit findenem Denken sich in ihr Kind und in die äussere Umgebung desselben vertieft und die längst schon Fälle aller Art über die etwaigen Schicksale ihres Kindes sich gedichtet hatte. Und schnell konnte sie daher über den Verbleib ihres Kindes urteilen, oder doch alle Möglichkeiten aufstellen. Jeder kann den Begriff gewinnen, und hat man den machenden Begriff, so kann man leicht Fälle und Begriffsumfangsglieder dichten, um zu sehen, ob man sie finde» (S. 54). Hier haben wir nicht einen wenig berühmten Hoppe, sondern die ganze conscienzionistische Schule der Psychologie, die, in Aristoteles wurzelnd, den Stamm der herrschenden Wissenschaft immer bildet. Die Klassiker der Psychologie sind vorsichtiger: sie meiden geflissentlich so heikle Fragen. Als sich aber Hoppe vor eine solche stellt, kommt die Schwäche der conscienzionistischen Psychologie ans Licht. Hoppe macht das Mögliche und Unmögliche, die bewusste Induction zu retten Darun mutet er einer Bauernmutter zu, längst schon die machenden Begriffe (!) ihrer Kinder gemacht zu haben. Was heisst «längst schon»? Etwa vor der Geburt eines jeden, oft zahlreicher, Kinder? Wie sollte sie die nötige Musse dazu gefunden haben? In der Schwangerschaft hat sie wohl gedacht, dass etliche alte Schuhen der älteren Kinder für den neuen Kömmling noch gut sein werden; dies ist aber, hoffentlich, kein «machender Begriff»? Denn Hoppe sagt: «dass der Naturforscher nicht mit machenden Begriffen, wie es einem Dichter und Philosophen vergönnt ist, sondern nur erst mittelst blosser Kennzeichnungsbegriffe und mittelst eines gegenständlichen Denkens in sinnlichen Erscheinungen arbeitet» (S. 67). Eine Bauernmutter steht also höher, wie der Naturforscher? So verirrt ein Conscienzionist, der alles aufopfert, inclusive den gesunden Menschenverstand, um nur die Ansicht zu retten, nach welcher alles Neue in der Seele auf bewusstem Wege aus dem alten entsteht. In der Eifershitze bemerkt er nicht, dass er selbst die Intuition doch nicht wegdenken kann und sie nur in eine «längst schon» vergangene Zeit verschiebt, vo das Interesse an der Intuition weit schwächer war, als momentan. Heisst es, psychologisch denken? Und so urteilt ein «professor, Doktor der Philosophie und Medizin»!