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427 ÜBER DEN URSPRUNG DES GESTIRNKULTUS

Irrsinn verursacht (englisch heisst mondsüchtig moon-struck 1 und irrsinnig lunatic).

Diese Ansicht war schon bei den Babyloniern verbreitet. « Von Sin (dem Mondgott) hiess es, dass er « Feuer und Wasser halte » was sich wohl sicher auf Sin als Erreger von Fieberhitze und Schüttelfrost bezieht » sagt Schräder.2 Dagegen galt der Sonnengott Shamash als der durch sein Licht Leben und Gesundheit spendende Gott. Andererseits war Nergal, der ebenfalls als Gott die Unterwelt beherrschte, die Gottheit der verderblichen Sonnenglut, des Krieges und der Jagd, sowie der Seuchen, speziell der Fieberkrankheiten und der Pest. In diesem Zusammenhang möge es erwähnt werden, dass der dritte himmlische Hauptgott der Babylonier, nämlich die Ishtar, die Himmelskönigin (Venus) vor allem die mächtige und barmherzige Helferin war, die aus Bann und Krankheit befreite, Sünde und Schuld vergab. Ihr Vater var Sin, sie war also nicht — ebenso wenig wie Shamash — die ursprüngliche Gottheit.

Die Wüstenwanderer litten ja oft von der grossen Trockenheit, welche Durst verursachte. Diese Unannehmlichkeit scheint aber nicht auf "Rechnung der Sonne geschrieben zu werden, sondern richtigerweise auf den Wassermangel. Deshalb wünschten, die Ägypter ihren Toten, dass sie bei der Reise ins Jenseits eine kühle Quelle finden, wo sie sich laben könnten, oder dass der Nordwind ihnen die Luft erfrischen möchte.3 Bekanntlich haben die Mohammedaner ähnliche Vorstellungen von ihrem Paradies.

Es scheint demnach irrig anzunehmen, dass die Sonne bei den Babyloniern den zweiten Platz wegen ihrer Feindseligkeit gegen das Leben erhalten hätte. Dagegen ist es selbstverständlich, dass der Mond mit seinen stark und schnell wechselnden Phasen viel besser sich für die Zeitbestimmung eignet als die stets ungefähr gleich stark scheinende Sonne. In äquatornahen Gegenden ist ebenfalls die Schwankung der

  1. Vielleicht hängt doch diese Bezeichnungsweise mit der bei Epileptikern gewöhnlichen etwa monatelangen Periode der Krankheit zusammen.
  2. Schrader: Die Keilinschriften und das alte Testament. 3 Aufl. Berlin 1903. S. 339, 364, 368, 372, 412 und 432.
  3. Cumont: Die orientalischen Religionen im römischen Heidentum übers. v. Gerich. Leipzig und Berlin 1910. 8. 121.