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433 ÜBER DEN URSPRUNG DES GESTIRNKULTUS

den anderen weniger zivilisierten Völkern aufgenommen. Wir finden deshalb bei allen zivilisierten Völkern, dass die Götter als himmlischen Ursprungs bezeichnet werden. So beispielsweise bei den Griechen, welche unsre Zivilisation so stark beeinflusst haben. Ebenfalls wurde die Astrologie aufgenommen, und sie beherrschte die Denkweise der Gebildeten bis vor wenigen Jahrhunderten.

Der Unterschied zwischen der Astrologie und der gleichzeitig vorherrschenden Alchemie auf der einen, und der modernen unsre Zeit beherrschenden Naturwissenschaft auf der anderen Seite liegt hauptsächlich darin, dass die Gelehrten der alten Zeit im Gegensatz zu ihren Nachfolgern sich sehr wenig um die Anschaffung von neuem empirischem Inhalt der Wissenschaft kümmerten. Sie arbeiteten mit von ihnen selbst erfundenen Begriffen, die sie demnach « logisch » systematisieren konnten. Jede Stunde des Tages wurde von einem Planeten beherrscht, jeder Tag der Woche ebenfalls, jeder Körperteil entsprach einem Sternbilde des Tierkreises, jedes Land oder jede Landschaft ebenso. Diese « Korrespondenz- oder Sympathie-Lehre » entbehrte fast jeglicher empirischen Begründung. Die Schlüsse waren auch wertlos; nur der ausserordentlich starke Autoritätsglauben hinderte das artifizielle System am Zusammensturz. Für die Phantasie und die Dichtung war aber der Spielraum unbegrenzt.

Berthelot, der die Entwicklung der Chemie im Altertum und im Mittelalter zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gemacht hat, kam zu dem Schluss, dass der Ursprung des Grundirrtums der Alchemie in den chemischen Spekulationen der die Denkweise des Mittelalters beherrschenden Philosophen Platon und Aristoteles zu suchen sei.1 Man kann etwas Ähnliches von der Astrologie sagen, welche von dem Formalismus der scholastischen Philosophie durchdrungen ist, welche wiederum direkt von Platon und Aristoteles herstammt.

Heutzutage ist es innerhalb der Naturwissenschaften und der damit eng verknüpften Technik ganz anders. Die Forschung

  1. Marcellin Berthelot: Die Chemie im Altertum und Mittelalter, deutsch von E. Kalliwoda, Leipzig u. Berlin 1909. Die wörtliche Äusserung ist: «Ich habe versucht den Ursprung des Grundirrtums der Alchemie in den philosophischen Theorien des Platon und des Aristoteles über die Zusammensetzung der Materie darzutun », (1. e. S. 5).