Pagina:Scientia - Vol. VII.djvu/40

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weit grössere Bedeutung haben, als wir heute ahnen. Und dass ein bestimmter Kolloidzustand für die Statik der belebten Materie grosse Wichtigkeit hat, darüber kann man sogar jetzt schon nur noch einer Meinung sein, wenn auch die Bedeutung der Kolloide in dieser Hinsicht oft höher eingeschätzt wird, als es bei kritischer Verwertung aller gesammelten Erfahrungen berechtigt erscheint.

Machen wir uns dies einen Augenblick etwas genauer klar! Man hat häufig das Protoplasma mit einem dickflüssigen Schleim oder mit einer weichen Gallerte verglichen und fand mit dieser Vorstellung eine gewisse Erklärung dafür, dass das Protoplasma Formen von einer den festen Körpern eigenen Starrheit zu bilden vermag, in welchen trotz der Festigkeit chemische Reaktionen sich abspielen, wie wenn die Formen aus einer Flüssigkeit beständen. Diese Ansicht kann man nun heute sicherlich nicht mehr teilen, mindestens ihr keine allgemeine Bedeutung beimessen, schon allein deshalb nicht, weil es fraglich ist, ob man für alle Sorten von Protoplasma einen einzigen, gleichen, «Aggregatzustand» anzunehmen berechtigt ist. Bestimmt haben manche, namentlich wenig differenzierte Protoplasmen, wie Amöben und manche Blastomeren, die Eigenschaften vollkommener oder doch fast vollkommener Flüssigkeit, und sind demgemäss formlos bezw. formvariabel. Andere Zellen dagegen, solche sowohl, die von Natur frei für sich existieren, als auch vor allem solche, welche, normalerweise zu einem Gewebsverband gehörig, aus diesem künstlich losgelöst und isoliert worden sind, sind im Besitz einer dauerhaften, aber nicht, tropfig-kugligen Form, gleich als wenn ihre Masse gallertige Konsistenz hätte. Aber auch ohne dass wir dies für sie annehmen, auch wenn wir bei ihnen ein flüssiges Protoplasma voraussetzen, kann die Dauerhaftigkeit ihrer typischen, sei es cylindrischen, sei es scheibenförmigen oder sonstwie beschaffenen Gestalt auf das Vorhandensein äusserer oder innerer, der Statik dienender Strukturen, wie in die Oberfläche eingelassene Fäden (z. B. bei Blutkörperchen nach Meves) oder das Innere durchquerende Stützfasern (z. B. bei manchen Darmepithelien) bezoger werden. Auch in diesen Fällen brauchen also die Kolloide als Gallerte bildende Substanzen nicht zur Erklärung der statischen Eigenschaften herangezogen zu werden. Und doch hat man sich hierbei immer und immer wieder auf die feinen