Pagina:Labi 1996.djvu/49

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1. Ein Grossteil der einschlägigen Publikationen gibt sich mit der blossen Beschreibung historischer Lebensformen und sozioökonomischer Entwicklungen zufrieden, ohne nach deren möglichen Ursachen zu fragen. Sie schildern - vielfach im Detail - wie etwa der Boden bewirtschaftet wurde, in welchen rechtlichen Rahmenbedingungen sich die bäuerliche Wirtschaft bewegte, wo aufgrund naturgegebener Rohstoffvorkommen Bergbau betrieben wurde, an welchen bevorzugten Plätzen städtische Siedlungen entstanden, wie die in jüngerer Zeit aufkommende Industrie auf das Land verteilt war oder dass in manchen Regionen der Fremdenverkehr zum Modernisierungsmotor wurde.

Wenn aber nicht weiter gefragt wird, wie alle diese Faktoren zu erklären sind, drängt sich eine etwaige Vermutung, dass sie vielleicht mit der alpinen Landschaft und dem alpinen Klima Zusammenhängen könnten, erst gar nicht auf. Damit ist jedoch nicht notwendigerweise auch eine negative Bewertung solcher Arbeiten verbunden; ganz im Gegenteil, sie liefern - wie beispielsweise die schon etwas ältere Wirtschafts- und Sozialgeschichte Österreichs von Ferdinand Tremel - die unverzichtbaren Informationen und das Wie der wirtschaftlichen Entwicklung, ohne die die Frage nach dem Warum gar nicht gestellt werden kann.1

2. Wenn nun aber - in anderen Publikationen - die Frage nach dem Warum tatsächlich aufgeworfen und zu beantworten versucht wird, beziehen sich die explizit oder implizit vorgebrachten Erklärungen viel häufiger auf andere als auf spezifisch alpine Besonderheiten. Sie lassen sich in mehrere Typen von Erklärungsmustern unterteilen, die allerdings bis zu einem gewissen Grad miteinander verbunden sind. Drei von ihnen ist gemeinsam, dass sie letztlich die Wirtschaftsgeschichte aus der Perspektive der politischen Geschichte sehen.

Dies kann im Extremfall so weit gehen, dass die Gestaltung der Innen- wie der Aussenpolitik durch einzelne Fürsten und Regierungen sowie erst recht deren Wirtschaftspolitik auch für die Entwicklung der Wirtschaft ganz allgemein verantwortlich gemacht werden. Man übersieht, dass der allergrösste Teil wirtschaftlichen Tuns von Faktoren beeinflusst wird, die an der Basis der Bevölkerung anzusiedeln sind, deren tagtägliches Streben nach Überleben und besserem Leben das Gesicht, die Struktur und etwaige Veränderungen der Wirtschaft bestimmen. Man vergisst oder ist sich ganz einfach nicht bewusst, dass das Wesen einer mehr oder weniger freien Marktwirtschaft, wie sie in unseren Breiten seit Jahrhunderten praktiziert wird, gerade darin besteht, dass die

62 HISTOIRE DES ALPES - STORIA DELLE ALPI - GESCHICHTE DER ALPEN 1996/1